Drei Versprechen gehen mit der Demokratie einher:

 

1. ein Versprechen auf politische Selbstbestimmung, die einem jeden einen angemessenen Anteil an allen politischen Entscheidungen garantiert, die das eigene gesellschaftliche Leben betreffen,

 

2. ein Versprechen, auf der Basis egalitärer Prozeduren innere gesellschaftliche Konflikte und Konflikte zwischen Staaten auf friedlichem Wege zu lösen, und

 

3. ein Versprechen, eine größtmögliche Freiheit von gesell­schaftlicher Angst zu sichern und auf eine der wirkungsvollsten Machttechniken zu verzichten: der systematischen Erzeugung von Angst.

 

 

Angst speist sich auch aus Erfahrungen und Einsichten, dass unsere Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensplanung eng begrenzt sind, dass wir gegen Wirkkräfte, die sich unserer Kontrolle entziehen, nicht angemessen für unser eigenes Leben Sorge tragen können oder dass wir die Bedingungen nicht sichern können, die wir für die Ent­ faltung unseres Selbst benötigen oder wünschen - also aus existentiellen Abhängigkeits- und Ohnmachtserfahrungen.

 

 

 

Diese neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft wirkt auf eine drei­ fache Weise angsterhöhend: zum einen durch ihre konkreten materiellen Folgen eines rasanten Wachsens sozialer Ungleich­ heit sowie einer wachsenden Zahl unsicherer und nicht mehr existenzsichernder Arbeitsverhältnisse. Zweitens durch die neoliberale Ideologie, die dem Individuum selbst die Schuld für ein Scheitern auf dem Arbeitsmarkt zuschreibt, da es sich sein berufliches Versagen durch fehlende Anstrengungen und eine mangelnde Anpassungsflexibilität an den »Markt« selbst zuzuschreiben habe. Drittens durch einen Abbau und eine Zer­ störung von traditionellen sozialen Instanzen, die eine angst- reduzierendende Funktion haben, indem sie Orientierung und gesellschaftliche Sicherheit vermitteln.

 

 

 

Quelle: Rainer Mausfeld, Angst und Macht